Wir reisen ins Nirgendwo. Kleine Dörfer, Bauernhöfe und viel Platz dazwischen. Je weiter wir in den Norden kommen, umso leerer wird es. So ziemlich der nördlichste Punkt der Niederlande ist unser Ziel, Ruhe und Entspannung unser Vorhaben.
Im gefühlten Nichts, der Hafen. Das Wattenmeer vor uns in nebliges Grau gehüllt. Im Zickzack bahnt sich die Fähre ihren Weg. Erst kurz vor dem Anlegen können wir die kleine Watteninsel wirklich erkennen. Die Vorfreude steigt.
Geschichte
Unsere drängendste Frage, was Schiermonnikoog bedeutet, beantwortet uns Thijs de Boer, bevor wir sie überhaupt stellen können. Vermutlich sind wir nicht die Ersten, die mit der direkten Übersetzung „Beinahemönchsauge“ nicht viel anfangen können. Zumindest der Mönch passt, erfahren wir, beim Rest kommen frühere Wortbedeutungen zum Tragen.
Schiermonnikoog ist die Grauer-Mönch-Insel, denn Mönche mit grauen Kutten, vom Zisterzienserkloster im friesischen Dokkum, bewohnten und bewirtschafteten diese Insel im Mittelalter. Im Jahr 1580 war damit Schluss, Friesland wurde protestantisch und das Zisterzienserkloster verlor seinen Besitz und damit auch die Insel Schiermonnikoog.
Die Insel ging an Friesland und wurde letztendlich 1638 an die Familie Stachouwer verkauft. Nicht der letzte Verkauf, auf die Stachouwers folgte John Eric Banck und 1893 der deutsche Graf von Benstorff-Wehningen. 1945 kam ein Ende an den Privatbesitz der Insel. Nach dem 2. Weltkrieg wurde deutscher Besitz in den Niederlanden konfisziert und Schiermonnikoog ging somit an den niederländischen Staat.
Nicht nur die Geschichte von Schiermonnikoog und seiner Bewohner kennt Thijs aus dem FF. Er kennt auch jede Ecke seiner Heimat-Insel und zeigt uns auf der gemeinsamen Radtour einige besonders schöne Stellen.
Den Deich mit Ausblick auf den Westerplas und irgendwo dahinter das ursprüngliche Dorf, das von Meer und Wind schön längst verdrängt und verschlungen wurde. Die Westerduinen mit dem markanten Leuchtturm an höchster Stelle. Und den Wald, der einst vom deutschen Grafen angepflanzt wurde.
Wetterwechsel
Sonne hat den Nebel inzwischen verdrängt, von Wärme jedoch keine Spur. Dunkle Wolkenberge in der Ferne kündigen schon den nächsten Wetterwechsel an.
Aber was macht es aus, die Insel hat unsere Herzen in kürzester Zeit erobert. Wir sehen nur pure Schönheit und genießen die Ruhe, in der das Geräusch der Brandung am Nordsee-Strand beinahe laut erscheint.
Dort stehen wir dann, weit draußen, wo die letzte Flut große Pfützen auf dem Sand zurückgelassen hat. Wolken und Licht spiegeln sich im Wasser, Himmel und Erde verschmelzen zu einer Einheit. Diese unglaubliche Weite! Diese Schönheit der Natur! Ein enormes Glücksgefühl macht sich in mir breit und ich atme gefühlt so tief wie nie.
Der Wind pfeift um unsere Ohren, am Himmel ein Mischmasch aus strahlendem Blau und bedrohlich dunklen Wolken, die extrem schnell näherkommen. Der Gedanke umzukehren ist noch nicht zu Ende gedacht, schon peitscht Regen in unser Gesicht. Der Wind verwandelt den Sand unter unseren Füßen in eine bewegte Fläche, überwältigend schön.
Und schon ist der Spuk wieder vorbei. Die Sonne bricht durch, ein Regenbogen teilt den Himmel in Hell und Dunkel. Wir bekommen das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht, was für ein Wahnsinns-Spektakel haben wir erlebt.
Der Adrenalinpegel sinkt und damit kommt das Gefühl für Nässe und Kälte zurück. Zeit für die Rückkehr in unser Ferienhaus und eine heiße Dusche.
Im Dorf
Unser Häuschen steht auf einem der schmalen, aber sehr langen Grundstücke hinter den eigentlichen Wohnhäusern. Die Länge war ursprünglich nötig, um die Fischernetze zu trocknen. Heute reihen sich hier die Ferienhäuser aneinander, Berufsfischer gibt es auf Schiermonnikoog schon lange nicht mehr. Und von den Zeiten, dass die Männer des Dorfes in die Antarktis fuhren, um Blauwale zu fangen, zeugt heute nur noch der Unterkiefer eines Wals im Zentrum des Dorfes.
Heute ist der Tourismus die Einkommensquelle Nr. 1 auf der Insel. Selbst die 10 Bauernhöfe, die es gibt, können ohne zusätzliche Angebote für Urlauber nicht überleben. Jetzt im Winter sind nur wenige Besucher unterwegs, aber die zahlreichen Hotels, Ferienwohnungen und Restaurants lassen vermuten, dass es hier im Sommer ganz anders zugeht.
Unser Gastherr beim Abendessen in der Brasserie Om de Noord bestätigt unsere Vermutung. Im Sommer sei es hier im Dorf sehr „gezellig“ mit vielen Gästen, die den Abend entspannt auf den Terrassen der Restaurants und Bars genießen, erzählt er uns. Heute geht es eher ruhig zu im Restaurant, nur sehr wenige Gäste haben den Weg ins Om de Noord gefunden. Am Essen kann es nicht liegen, das ist wirklich hervorragend.
Wir werden mit einem 3-Gänge-Menü verwöhnt. Davor überrascht uns der Küchenchef mit einem Gruß aus der Küche und das gleich mit 3 verschiedenen Leckereien. Brandteig mit Brie und Tomate, dann ein knuspriger Bitterballen gefüllt mit Grünkohl und ein leckerer Muffin aus Rotem-Curry-Teig.
Ein frischer Grüner Veltliner begleitet unsere Vorspeise und passt perfekt zum im Glas servierten Butterkrebs mit Avocado, Tomate und Curry-Schaum. Eine sehr feine Kombination der Zutaten mit Abwechslung in Konsistenz und Geschmack, die der Koch auch beim Hauptgericht nicht aus dem Auge verliert. Auch hier Fisch, diese Mal ein feiner Plattfisch mit noch angenehm festem Biss, dazu perfekt gegarter Blattspinat, Kartoffelpüree und eine cremige Sauce hollandaise. Ein Hauch Trüffel, am Tisch frisch auf den Teller gerieben, rundet das Ganze ab.
Ihr merkt es schon, mir hat es geschmeckt. Sehr sogar. Und der Nachtisch mit warmem Apfelkuchen, weißer Schokoladencreme und dem zitronigsten Zitroneneis hat unserem Überraschungsmenü einen würdigen Abschluss beschert.
Auf dem Heimweg bestaunen wir noch etwas den Sternenhimmel, denn auf Schiermonnikoog ist es noch tatsächlich richtig dunkel. Etwas, dass wir in der Stadt kaum noch kennen. Im Ferienhaus angekommen, fallen wir in die Betten und schlafen dank extremer Ruhe tief und fest.
Unterwegs mit dem Rad
Von einem wolkenlosen blauen Himmel strahlt uns am nächsten Morgen die Sonne entgegen. Perfekt, denn wir wollen vor der Abreise noch eine Fahrradtour über die Insel machen.
Das Fahrrad ist für Touristen übrigens das Fortbewegungsmittel Nr. 1. Nur den Einheimischen ist ein Auto erlaubt, Touristen müssen ihres auf dem Festland zurücklassen. Dementsprechend wenig Verkehr hat es auf den Straßen der Insel und viele Wege sind sowieso nur für Radfahrer und Wanderer.
Uns zieht es in den Osten der Insel, in das grüne Dünengebiet Kobbeduinen. Das Naturgebiet zieht sich noch viel weiter, aber hier geht es dann nur noch zu Fuß weiter. Ein Wanderweg führt durch die teils unwegsame Natur der Dünen oder man wandert immer am Strand entlang.
Heute reicht uns die Zeit dafür leider nicht, aber wir kommen wieder. Schiermonnikoog, die Zweite – eine Sommerreise, ist schon ins Auge gefasst.
Reiseinfos
Praktische Information zur Anreise und zur Watteninsel Schiermonnikoog selbst habe ich euch dieses Mal auf einer extra Seite im Infoteil zusammengestellt. Auch weitere Empfehlungen für Restaurants, in denen wir gegessen haben, sowie Übernachtungstipps sind dabei.
Alle Infos könnt ihr hier auf Nach-Holland.de finden unter dem Menüpunkt Schiermonnikoog.
Auch auf der Website WAD to do sind Infos auf Deutsch zum niederländischen Wattenmeer, Schiermonnikoog und den anderen Inseln zu finden. Und auf der Website des Touristenbüros VVV Schiermonnikoog gibt es zusätzlich viele Infos und Tipps.
Hinweis: Unsere Reise nach Domburg wurde unterstüzt von Merk Fryslân und dem VVV Schiermonnikoog. Herzlichen Dank an alle Beteiligten.
Ähnliche Artikel gibt es in der Kategorie Orte und Events